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Wenn der sportliche Traum endet und Orientierung plötzlich fehlt


Leistungssport ist früh mehr als ein Hobby. Er fordert Zeit, Energie und Disziplin, oft schon in jungen Jahren. Athletinnen und Athleten investieren einen grossen Teil ihres Lebens in Training, Wettkämpfe und Entwicklung. Freizeit wird knapp, Wochenenden gehören dem Sport, und viele Entscheidungen im Alltag ordnen sich einem einzigen Ziel unter: sportlichem Erfolg. Doch was bleibt, wenn dieser Weg plötzlich zu Ende geht? Durch Verletzungen, Leistungsgrenzen, äussere Entscheidungen oder schlicht durch das natürliche Karriereende, das viele zwischen 25 und 35 Jahren erreicht.

Hier zeigt sich die Bedeutung der dualen Karriere im Leistungssport. Nicht als Notlösung, sondern als Ausdruck von Verantwortung gegenüber der eigenen Zukunft und dem Leben nach dem Sport.


Was bedeutet duale Karriere konkret?

Eine duale Karriere beschreibt den gleichzeitigen Aufbau von sportlicher Leistung und schulischer oder beruflicher Entwicklung. Ziel ist es, neben dem Sport eine tragfähige Perspektive für die Zeit danach zu schaffen, ohne den sportlichen Fokus zu verlieren.

In der Praxis bedeutet das:

  • Training und Wettkämpfe parallel zu Ausbildung, Schule oder Beruf meistern

  • Frühzeitige Laufbahn- und Zukunftsplanung

  • Nutzung flexibler Bildungs- und Arbeitsmodelle

Es geht nicht um eine Entscheidung zwischen Sport oder Beruf, sondern um das bewusste Zusammenspiel beider Bereiche. Studien zeigen, dass Athletinnen und Athleten mit einer dualen Karriere häufig mental stabiler sind und besser mit Druck umgehen können, weil ihr Selbstwert nicht allein von sportlichen Resultaten abhängt.


Warum sportlicher Erfolg allein oft nicht ausreicht

Nur ein sehr kleiner Teil der Leistungssportler kann langfristig vom Sport leben. Selbst in populären Sportarten wie Fussball oder Eishockey erreichen nur wenige die absolute Spitze. In vielen olympischen Randsportarten ist die finanzielle Situation zusätzlich unsicher.


Die Risiken ohne duale Karriere sind real:

  • Fehlende berufliche Qualifikation nach Jahren im Sport

  • Identitätskrisen nach dem Karriereende – wer bin ich ohne meinen Sport?

  • Finanzielle Unsicherheit im mittleren Lebensalter

  • Orientierungs- und Motivationsverlust beim Übergang ins Berufsleben


Eine Untersuchung der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen aus dem Jahr 2022 zur beruflichen Integration ehemaliger Leistungssportler zeigt deutlich: Athletinnen und Athleten ohne abgeschlossene Ausbildung oder Studium sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen und erzielen langfristig ein tieferes Einkommen als ihre Altersgenossen.

Die duale Karriere wirkt hier vorbeugend. Sie ist kein Zweifel am eigenen sportlichen Weg, sondern ein stabiler Rahmen für unterschiedliche Lebensverläufe.


Die gefährliche "Später-schaue-ich-weiter"-Falle

Viele Leistungssportler denken: "Ich konzentriere mich jetzt vollständig auf den Sport und kümmere mich später um alles Weitere."

Psychologisch ist das nachvollziehbar. Der Sport ist Identität, Struktur und Alltag zugleich. Sich parallel mit Ausbildung oder Beruf zu beschäftigen, fühlt sich für viele wie eine Ablenkung an.

Doch genau dieses „später" wird oft zum Problem. Wer mit Ende zwanzig oder dreissig erstmals über eine Ausbildung nachdenkt, hat gegenüber Gleichaltrigen bereits einen deutlichen Rückstand. Bildungsfenster schliessen sich, Einstiegsmöglichkeiten werden seltener, und die Motivation, nochmals von vorne zu beginnen, sinkt.

Eine gut geplante duale Karriere bedeutet dabei nicht weniger sportliche Leistung, sondern mehr Sicherheit. Viele erfolgreiche Athletinnen und Athleten berichten sogar von positiven Effekten: besseres Zeitmanagement, klarere Prioritäten und eine gesündere mentale Balance.


Duale Karriere in der Schweiz: Gute Strukturen die aktiv genutzt werden müssen

Die Schweiz verfügt grundsätzlich über gute Strukturen zur Förderung der dualen Karriere im Leistungssport. Programme von Swiss Olympic, kantonale Leistungszentren sowie flexible Modelle in Schulen, Berufsbildung und Hochschulen schaffen wichtige Rahmenbedingungen. Diese Angebote müssen jedoch aktiv genutzt werden. Sie ersetzen keine persönliche Laufbahnplanung.

Entscheidend sind:

  • Eine realistische Einschätzung der sportlichen Perspektive

  • Eine frühzeitige Auseinandersetzung mit Interessen ausserhalb des Sports

  • Individuelle Lösungen statt standardisierte Wege

Jede Laufbahn ist anders. Für manche passt ein Teilzeitstudium, andere wählen eine Lehre mit reduziertem Pensum (Sportlehre), kombinieren kleinere Arbeitspensen mit Training und Wettkämpfen. Wichtig ist, früh zu beginnen und nicht erst, wenn der Druck steigt.


Die unterschätzten Vorteile einer dualen Karriere

Eine klug aufgebaute duale Karriere bietet mehr als reine Absicherung:

Sie reduziert den psychischen Druck im Sport. Wer weiss, dass ein Wettkampf nicht über die gesamte Zukunft entscheidet, kann freier auftreten und paradoxerweise sogar bessere Leistungen erbringen.

Sie stärkt die Selbstwirksamkeit. Das Gefühl, das eigene Leben aktiv zu gestalten statt nur auf sportliche Ergebnisse zu reagieren, ist unbezahlbar.

Sie erleichtert den Übergang nach dem Karriereende. Der Einstieg ins Berufsleben gelingt schrittweise und selbstbestimmt statt unter Zeitdruck und Unsicherheit.

Viele Kompetenzen aus dem Leistungssport sind im Berufsleben äusserst wertvoll: Disziplin, Belastbarkeit, Zielorientierung, Teamfähigkeit und der konstruktive Umgang mit Niederlagen. Diese Fähigkeiten entfalten ihr Potenzial jedoch erst dann, wenn sie bewusst reflektiert und übersetzt werden. Genau das gelingt mit einer dualen Karriere deutlich besser.


Erste konkrete Schritte für Leistungssportler


Wer sich fragt, wo er oder sie anfangen soll, kann folgende Schritte gehen:

  1. Bestehende Beratungs- und Unterstützungsangebote nutzen – Swiss Olympic und regionale Leistungszentren bieten professionelle Hilfe

  2. Offen mit Trainern, Umfeld und Arbeitgebern über die Situation sprechen – oft gibt es mehr Verständnis und Flexibilität als erwartet

  3. Sich über flexible Bildungs- und Arbeitsmodelle informieren – die Möglichkeiten sind vielfältiger als man denkt

  4. Mit kleinen, realistischen Schritten beginnen – ein Fernkurs, eine Teilzeitausbildung oder ein berufsbegleitendes Modul


Bei Karrierefokus begleitet Özkan Ünlü, dipl. Berufs und Laufbahnberater sowie Coach, Leistungssportlerinnen und Leistungssportler dabei, ihre sportliche Laufbahn realistisch einzuordnen und parallel tragfähige berufliche Perspektiven aufzubauen. Der Fokus liegt dabei auf individuellen Lösungen, die zum sportlichen Alltag passen. Gerade im Leistungssport zeigt sich immer wieder, wie wertvoll es ist, frühzeitig einen Raum für Reflexion zu haben. Nicht als Entscheidung gegen den Sport, sondern als bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Laufbahn. Eine solche Begleitung kann helfen, den sportlichen Weg mit mehr Ruhe, Klarheit und langfristiger Perspektive zu gehen.

Fazit: Warum Weitsicht Stärke zeigt

Eine duale Karriere im Leistungssport ist kein Zeichen von Zweifel, sondern von Reife. Sie bedeutet nicht, weniger an den sportlichen Traum zu glauben, sondern auch an das Leben danach zu denken.

Wer frühzeitig plant, gewinnt Freiheit im Sport und im Beruf. Die Sorge, dass eine Ausbildung wertvolle Trainingszeit kostet, erweist sich in den meisten Fällen als unbegründet. Im Gegenteil. Eine klare Perspektive und mehr Stabilität wirken sich oft positiv auf die sportliche Leistung aus.

Der richtige Zeitpunkt, sich mit der Zeit nach dem Sport auseinanderzusetzen, ist nicht erst nach dem Karriereende, sondern bereits während der aktiven Laufbahn. Nur so behalten Sie die Gestaltungshoheit über Ihr eigenes Leben im Sport und darüber hinaus.


Häufige Fragen zur dualen Karriere im Leistungssport

Was bedeutet duale Karriere im Leistungssport?

Die parallele Entwicklung von sportlicher Leistung und beruflicher oder schulischer Qualifikation, um langfristige Perspektiven zu sichern.

Ab welchem Alter ist eine duale Karriere sinnvoll?

Idealerweise bereits im Nachwuchsleistungssport, da frühe Planung mehr Handlungsspielraum schafft.

Beeinträchtigt eine duale Karriere die sportliche Leistung?

Im Gegenteil – viele Athletinnen und Athleten profitieren mental und organisatorisch von der zusätzlichen Struktur.

Quellen

  1. Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen (EHSM) (2022). Studie zur beruflichen Integration ehemaliger Leistungssportler in der Schweiz.

  2. Swiss Olympic (2024). Programme und Informationen zu "Spitzensport und Ausbildung" – Duale Karriere in der Schweiz. https://www.swissolympic.ch

  3. Stambulova, N., Alfermann, D., Statler, T., & Côté, J. (2009). "Career Development and Transitions of Athletes: The ISSP Position Stand", International Journal of Sport and Exercise Psychology, 7(4), 395-412.

  4. Aquilina, D. (2013). "A Study of the Relationship between Elite Athletes' Educational Development and Sporting Performance", The International Journal of the History of Sport, 30(4), 374-392.

  5. Europäische Kommission (2023). "EU Guidelines on Dual Careers of Athletes" – Europäische Richtlinien zur Förderung dualer Karrieren im Spitzensport.

  6. Bundesamt für Sport BASPO (2023). Schweizer Nachwuchsförderungskonzept und Informationen zu dualen Karrieremodellen.

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